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Lernhilfen für Kinder mit Legasthenie und Dyskalkulie

Aktualisiert: 21. März

Legasthenie und Dyskalkulie sind weit mehr als nur „Schwierigkeiten beim Lesen oder Rechnen. Es sind neurologische Besonderheiten in der Informationsverarbeitung. Wer schon einmal erlebt hat, wie ein Kind verzweifelt vor dem Wort „Tisch“ sitzt und „T-E-SCH“ schreibt, weiß: Standard-Lehrmethoden greifen hier oft ins Leere.

In meiner täglichen Arbeit mit Kindern in Wien sehe ich: Der Schlüssel liegt nicht in der bloßen Wiederholung, sondern im Be-greifen.


Legasthenie: Wenn das Auge Hilfe von der Hand braucht


Kinder mit Legasthenie scheitern oft an der abstrakten Form der Buchstaben. Sie müssen Buchstaben „erfahren“, um sie im Gedächtnis zu verankern.


1. Das Haptische Erarbeiten (Kneten & Legen)


Statt das Wort „Ball“ zehnmal zu schreiben, kneten wir es. Warum? Weil die Muskulatur eine eigene Erinnerung hat.


  • Der Klassiker gegen B/D-Verwechslung: Wir formen ein „b“ wie Brille aus Knetmasse. Durch das haptische Formen und Nachfahren der Rundung wird die visuelle Unterscheidung im Gehirn „festgeschraubt“.


  • Bunte Magnetbuchstaben: Sie machen Wörter beweglich. Wenn ein Kind merkt, dass es ein „E“ einfach gegen ein „I“ austauschen kann, verliert das Wort seinen Schrecken. (Die Fotos unten zeigen Beispiele aus meinen Trainings in Wien).




2. Multisensorik: Die „Elefantenacht“ und das Brustbein

Lernen findet im ganzen Körper statt. Bevor wir zu den Buchstaben kommen, aktivieren wir das System:


  • Die Liegende Acht: Diese Übung vernetzt die Gehirnhälften und verbessert die visuelle Koordination.


  • Ohren ausstreifen: Eine einfache Methode zur sofortigen Steigerung der Aufmerksamkeit und auditiven Wahrnehmung.


Tipp: Auf der Website des EÖDL können Eltern und Trainer:innen kostenlos Lernunterlagen downloaden, die speziell von Trainer:innen entwickelt wurden.


3. Digitale Brücken bauen

Software ist kein Ersatz, aber eine enorme Entlastung. Tools wie Text-to-Speech ermöglichen es Kindern, komplexe Sachtexte zu verstehen, auch wenn die Lesetechnik noch hakt. Das stärkt das Selbstbewusstsein: „Ich bin schlau, ich brauche nur einen anderen Zugang zum Text.“


Body & Brain: Wenn Bewegung die Konzentration weckt

Besonders bei Kindern mit ADHS-Symptomatik oder ausgeprägtem Bewegungsdrang ist das „stille Sitzen“ oft der größte Feind des Lernens. Die Energie muss irgendwohin. Wenn wir den Körper ignorieren, blockiert das Gehirn.


Warum Body & Brain so toll wirkt: Durch gezielte kinesiologische Übungen und koordinative Aufgaben (wie Ballwerfen beim Buchstabieren) feuern die Neuronen in beiden Gehirnhälften gleichzeitig.


  • Der „Zappelphilipp“-Effekt wird genutzt: Statt den Bewegungsdrang zu unterdrücken, kanalisieren wir ihn. Ein Kind, das ein Wort buchstabiert, während es einen Ball fängt, muss sein Gehirn auf zwei Ebenen gleichzeitig organisieren. Das fördert die Konzentration massiv, da das Gehirn in einen Zustand der „wachen Aufmerksamkeit“ versetzt wird.


  • Aktivierung statt Blockade: Übungen wie das Ohren ausstreifen oder die Liegende Acht sind keine Spielerei – sie lockern Verspannungen und schalten die Bahnen für die visuelle und auditive Wahrnehmung frei.


Dyskalkulie: Zahlen sind keine abstrakten Zeichen, sondern Mengen


Bei der Dyskalkulie fehlt oft das Mengenverständnis. Die Zahl „5“ ist für diese Kinder nur ein Haken auf Papier, kein Wert.


1. Manipulative Materialien (Mehr als nur Zählen)

Wir arbeiten mit Materialien, die Mengen fühlbar machen:

  • Cuisenaire-Stäbe oder Dienes-Blöcke: Hier sieht und fühlt das Kind, dass ein Zehnerstab genau zehnmal so lang ist wie ein Einerwürfel


  • Der Knöcheltrick: Ein bewährtes Mittel für die Serialität (z. B. Monatslängen), das dem Kind Sicherheit im abstrakten Zeitgefüge gibt.


2. Die Zahlenlinie im Raum

Mathematik muss begehbar sein. Wir nutzen Zahlenlinien auf dem Boden. Ein Kind, das die Addition „3 + 4“ physisch hüpft, entwickelt ein echtes Gefühl für Distanzen und Größenverhältnisse.


Der „Faktor Mensch“: Emotionale Unterstützung


Das beste Material nützt nichts, wenn die Blockade zu groß ist.


  • Vom Diktat zur haptischen Wortarbeit: Wenn der Widerstand gegen das Schreiben (wie oft bei Schüler:innen beobachtet) zu groß wird, wechsel ich das Medium. Wir legen Wörter mit bunten Buchstaben oder schreiben sie mit Kreide. Das nimmt den „Prüfungscharakter“ und bringt den Spaß zurück.


  • Das System der Ermutigung: Kinder mit Lernstörungen erleben oft Frustration. Positive Verstärkung muss spezifisch sein: „Toll, wie du heute beim Buchstabieren und Ballwerfen gleichzeitig konzentriert geblieben bist!“ statt eines generischen „Gut gemacht“.


  • Pausenmanagement: Manchmal ist die Luft raus. Ein kurzer Raumwechsel oder ein kleiner (gesunder !) Snack z.B. ein Apfel sind kein Zeichen von Schwäche, sondern notwendige Regenerationsphasen für ein Gehirn, das auf Hochtouren arbeitet.


Fazit: Individuelle Wege statt Standardlösungen

Ob in Wien oder anderswo: Jedes Kind mit Legasthenie oder Dyskalkulie braucht seinen eigenen „Werkzeugkoffer“. Durch die Kombination von Bewegung, haptischem Material und emotionalem Rückhalt verwandelt sich der Frust in kleine Erfolgserlebnisse.

 
 
 

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