Bewegung beim Lernen? Jaaa!
- Magdalena Griesner
- 16. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Juni
Zappelphilipp oder Genie? Warum Bewegung der wahre „Treibstoff“ für den Lernerfolg ist
Kennst du das? Dein Kind soll Hausaufgaben machen, aber nach zwei Minuten rutscht es auf dem Stuhl hin und her, muss plötzlich ganz dringend aufs Klo oder starrt Löcher in die Luft. Die instinktive Reaktion vieler Eltern: „Sitz jetzt endlich mal still und konzentriere dich!“ Doch genau hier liegt der Denkfehler. Stillzusitzen ist für viele Kinder mit Legasthenie oder LRS – keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Belastung.
Das Gehirn lernt nicht ohne den Körper
Wir müssen aufhören, den natürlichen Bewegungsdrang als Feind des Lernens zu sehen. Er ist unser wertvollster Verbündeter. Warum? Weil jeder kognitive Prozess auf einer motorischen Basis steht.
Bevor ein Kind ein „O“ schreiben kann (kognitive Leistung), muss es erst lernen, einen Kreis zu malen (motorische Leistung). Motorik und Sensorik – also das Spüren des eigenen Körpers – sind untrennbar miteinander verbunden. Bewegung sorgt schlichtweg für mehr „Sprit“ im System: Sie kurbelt die Sauerstoffversorgung an. Ohne diesen Sauerstoff geht dem Gehirn mitten in der Rechtschreibübung der Saft aus.
Die Werkzeugkiste der Lerntherapie: Mehr als nur ABC
Viele Eltern fragen mich: „Was machst du denn konkret mit meinem Kind?“ Die Antwort ist so individuell wie das Kind selbst. Es gibt keine pauschalen Tipps, aber klare Beobachtungen:
Gesten als Merkhilfe: Wildes Gestikulieren beim Erklären ist kein Zeichen von Unruhe, sondern ein Speicher-Turbo. Gesten helfen dem Gehirn, Informationen tiefer zu verankern.
Phasentrenner: Manchmal ist Bewegung einfach der „Reset-Knopf“. Drei Sprünge um den Tisch nach einem intensiven Diktat trennen das Alte vom Neuen und machen den Kopf wieder frei.
Raumerfahrung: Wer Probleme mit räumlichem Vorstellungsvermögen hat, muss den Raum erst einmal selbst erleben. Wie groß bin ich im Vergleich zum Tisch? Erst wenn der Körper den Raum versteht, versteht ihn auch der Kopf.
Die Rumpf-Basis: Manchen Kindern fehlt die Muskulatur im Rumpf. Für sie ist „gerade sitzen“ so anstrengend wie ein Workout. Hier helfen gezielte Übungen, um die Haltung zu stabilisieren.
Was tun bei „Bewegungsmuffeln“?
Nicht jedes Kind will den Hampelmann machen oder Bälle jonglieren. Wenn ein Kind sagt: „Ich mache keinen Sport!“, erzwinge ich nichts. Meine Aufgabe als Trainerin ist es dann, kreative Alternativen zu finden. Dann weichen wir beispielsweise auf feine Fingerübungen aus oder nutzen die Liegende Acht am Tisch. Das Ziel ist nicht der Leistungssport, sondern die Aktivierung der Gehirnhälften – so selbstverständlich wie Zähneputzen.

Der ADHS-Fokus: Dopamin-Management statt Reizüberflutung
Besonders bei Kindern mit ADHS-Symptomatik ist das Gehirn ein „Reiz-Staubsauger“. Alles, was schnelle Belohnung verspricht, gewinnt. Hausaufgaben in Geschichte verlieren gegen das Handy oder den Fernseher haushoch.
Die Lösung: Das Gehirn muss den Lernstoff als die „reizvollste Sache im Raum“ einstufen. So klappt's:
Dopamin-arme Umgebung: Handy weg, Fernseher aus, keine bunten Snacks. Nur Wasser, Tee und der Stoff.
Mini-Schritte statt Mammut-Berge: Nicht „Ich lerne Geschichte“, sondern „Ich lese diese fünf Zeilen auf Seite 25“.
Pomodoro-Sprints: Kurz und knackig arbeiten, gefolgt von einer echten Belohnung (ein Spaziergang, kein Social Media!).
Fazit: Mut zur Bewegung
Bewegung beim Lernen ist kein Chaos, sondern Ordnung für die Nervenzellen. Schon 6 bis 8 Minuten gezieltes Ausschütteln, tiefes Atmen oder Koordinationsübungen (wie die Elefantenacht) verbessern das Lernklima und die Leistung messbar.
Tipp an die Eltern: Seid mutig! Erlaubt euren Kindern, beim Vokabeln lernen herumzulaufen oder im Stehen zu arbeiten. Bewegung ist Entspannung für ein gestresstes Nervensystem. Wenn wir den Körper mitnehmen, folgt der Kopf ganz von allein.
Doch wie sieht das in der Praxis aus? Man muss das Rad nicht neu erfinden, um Bewegung in den Lernalltag zu integrieren. Genau hier setzt die Methode an, die ich in meinem Training leidenschaftlich gerne nutze, weil sie den Körper und das Köpfchen gleichzeitig herausfordert: body’n brain®.
Linkshänder und Legasthenie: Warum das Gehirn deines Kindes in 3D denkt (und wie du ihm helfen kannst)
Sitzt dein Kind auch manchmal frustriert vor den Hausaufgaben, vertauscht ständig b und d oder spiegelt ganze Wörter – und schreibt ganz nebenbei mit links?
Wenn du als Mama oder Papa das Gefühl hast, ihr übt und übt, aber der Knoten platzt einfach nicht, dann möchte ich dich heute erst einmal tief durchatmen lassen: Dein Kind ist weder faul noch unkonzentriert. Es leistet in diesem Moment auf neurologischer Ebene schlicht Schwerstarbeit.
Es gibt einen faszinierenden, wissenschaftlichen Grund, warum Legasthenie und Linkshändigkeit überraschend oft Hand in Hand gehen. Und wenn wir diesen Grund verstehen, können wir den Lernfrust zu Hause sofort senken.
Das „Symmetrie-Phänomen“ im Gehirn
Bei den meisten Rechtshändern ist die Sache klar aufgeteilt: Die linke Gehirnhälfte übernimmt das Kommando für die Sprache, das Lesen und das Schreiben. Sie denkt linear – also brav Schritt für Schritt, Buchstabe für Buchstabe.
Bei Linkshändern tickt das Gehirn oft anders. Es ist „symmetrischer“ organisiert. Die Aufgaben sind nicht streng auf eine Seite verbannt, sondern beide Gehirnhälften arbeiten intensiv mit. Das bringt zwei Besonderheiten beim Lernen mit sich:
1. Das Ping-Pong-Problem
Weil die Sprache nicht in einer einzigen Hauptzentrale sitzt, müssen die Informationen beim Lesen ständig über die Verbindungsbrücke (den sogenannten Balken) zwischen linker und rechter Gehirnhälfte hin- und hergeschickt werden. Dieser „Wechselstrom“ kostet das Gehirn im Alltag ein paar Millisekunden mehr Zeit. Es kommt zu einem kleinen Stau im Kopf – das Lesen gerät ins Stocken.
2. Die visuelle 3D-Superkraft
Die rechte Gehirnhälfte, die bei Linkshändern besonders aktiv ist, denkt nicht in flachen Buchstaben, sondern in Räumen, Bildern und Mustern. Für diese Gehirnhälfte ist ein Stuhl immer ein Stuhl – egal, ob er nach links, rechts oder auf dem Kopf steht. Wenn dein Kind nun ein b sieht, behandelt sein Gehirn diesen Buchstaben wie ein dreidimensionales Objekt im Raum und dreht es gedanklich um. Auf dem Papier wird daraus aber plötzlich ein d, ein p oder ein q. Das ist kein Sehfehler, sondern die Folge einer enormen räumlichen Begabung, die dem Kind beim Lesen lernen nur gerade im Weg steht!
Die gute Nachricht: Die Gehirnbrücke lässt sich trainieren!
Wir können die Verbindungsbrücke zwischen den beiden Gehirnhälften spielerisch stärken, damit der Datentransfer schneller und fehlerfreier klappt. Am besten gelingt das durch gezielte, rhythmisierte Koordinations- und Überkreuzübungen.
Was ist body’n brain®?
Vielleicht hast du in meinen Berichten schon mal von body’n brain gelesen. Kurz gesagt: Es ist ein spielerisches Bewegungsprogramm, das die Vernetzung im Gehirn verbessert.
Die Logik dahinter: Unser Gehirn ist wie ein Muskel, der durch neue, ungewohnte Bewegungen trainiert wird. Bei body’n brain kombinieren wir einfache Bewegungen mit kognitiven Aufgaben (z. B. jonglieren und dabei das Einmaleins aufsagen).
Das Ziel:
Neue Synapsen bilden: Durch die Koordinationsübungen werden Areale im Gehirn miteinander verknüpft, die für das Lesen, Schreiben und Rechnen wichtig sind.
Stressabbau: Die Übungen machen Spaß und senken den Leistungsdruck.
Fokus: Es hilft Kindern, ihre Aufmerksamkeit gezielt zu steuern – weg vom „Zappeln“, hin zur konzentrierten Aufgabe.
Es ist kein „Sport“ im klassischen Sinne, sondern Gehirntraining durch Bewegung. Oft reichen schon wenige Minuten aus, um das „Betriebssystem“ deines Kindes wieder auf Empfang zu schalten!


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